B├╝rger, Peter

Fang dir ein Lied an!
Selbsterfinder, Lebensk├╝nstler und Minderheiten im Sauerland

Im November 2013 hat das DampfLandLeute-MUSEUM ESLOHE das Buch ÔÇ×Fang dir ein Lied an! Selbsterfinder, Lebensk├╝nstler und Minderheiten im SauerlandÔÇť vorgelegt. Dieses fast 700 Seiten umfassende Werk basiert zum Gro├čteil auf Arbeiten des Christine Koch-Mundartarchivs. Es ist ein Anliegen dieses Archivs, die Bedeutung der alten niederdeutschen Alltagssprache f├╝r Forschungen zur Kultur- und Sozialgeschichte des s├╝dlichen Westfalens zu vermitteln. In 19 von 24 Buchkapiteln spielen Mundartzeugnisse eine Rolle; sehr oft sind sie sogar die ma├čgebliche Quelle zu einem Thema. Entsprechend haben in den dokumentarischen Anteilen auch zahlreiche plattdeutsche Originaltexte Eingang in das neue Werk gefunden, doch sie werden f├╝r die hochdeutsche Leserschaft durchgehend ├╝bersetzt oder nacherz├Ąhlt. Wer mutig ist, sollte trotzdem versuchen, die Mundartpassagen laut zu lesen. Die Devise lautet: ÔÇ×Kein Angst vor Platt!ÔÇť (INS)

Selbsterfinder sind beliebte Gestalten der heimatlichen ├ťberlieferung des Sauerlandes. In diesem Buch treten sie auf die B├╝hne: gewitzte Tagel├Âhner, Kleinbauern und Handwerker, lustige Leutepriester, schlagfertige Sonderlinge, Nachfahren von Eulenspiegel, Flugpioniere, Wunderheiler, ber├╝hmte Hausierer, Bettelmusikanten, ein heiliger Landstreicher, eine legend├Ąre Wanderh├Ąndlerin, der popul├Ąre ÔÇ×Wildsch├╝tz KlostermannÔÇť ÔÇô flankiert von vielen sauerl├Ąndischen Wilddieben ÔÇô und sogar ein ganzes ÔÇ×Dorf der UnweisenÔÇť, dessen Klugheit nur Ein
geweihte zu sch├Ątzen wissen.
Fast alle diese Lebensk├╝nstler geh├Ârten zu den kleinen Leuten und ÔÇ×BehelpersÔÇť. In ihnen spiegeln sich Bed├╝rftigkeit, Sehnsucht und Reichtum jedes Mensche
n. Wir begegnen Gesichtern einer Landschaft, in der einstmals der ÔÇ×GeckÔÇť, ein Hofnarr besonderer Art, heimlich die Sch├╝tzenfeste regierte.
Unangepasste Alltagshelden verf├╝hren uns zu neuen Wahrnehmungen
und zu einem anderen Leben: ÔÇ×Fang dir selbst ein Lied an!ÔÇť
Bei den literarischen Erfindungen, Legenden und R├Ąuberpistolen k├Ânnen wir nat├╝rlich nicht stehenbleiben. Der folkloristische Kult um sogenannte ÔÇ×OriginaleÔÇť verschleiert oft die Lebenswirklichkeiten von Armen und Au├čenseitern. Geschichtenerz├Ąhler und Historiker sollten sich deshalb gemeinsam auf eine sozialgeschichtliche Spurensuche begeben. Tabus und Diskriminierungen m├╝ssen zur Sprache kommen. Wer von ÔÇ×HeimatÔÇť spricht, darf die Geschichte der ÔÇ×K├ÂttenÔÇť und anderer Minderheiten nicht verschweigen.
Auf 151 Seiten wird in der Sammlung denn auch erstmalig eine gr├╝ndliche
Untersuchung zu den Jenischen des Sauerlandes vorgelegt. Im s├╝dlichsten
Kreisgebiet spricht man wie im Siegen-Wittgensteinischen von ÔÇ×MeckesernÔÇť,
doch die eigentliche sauerl├Ąndische Bezeichnung lautet: ÔÇ×K├ÂttenÔÇť. Die
Komplikationen fangen schon bei der sprachlichen Erkl├Ąrung dieses ├╝beraus
ver├Ąchtlichen Namens an. Die unbehausten Armen, die sich durch Topfhandel, Kesselflickerei, Scherenschleifen, Altstoffsammeln und andere Wandergewerbe ern├Ąhrten, ber├╝hren vielf├Ąltige Tabus. Sie waren Parias, die ÔÇ×AllerletztenÔÇť. Kein Dorf wollte sie in der Phase der festen Niederlassung gerne aufnehmen. Im
ÔÇ×Dritten ReichÔÇť richteten nationalsozialistische ÔÇ×ErbhygienikerÔÇť ihr Augenmerk auf die ÔÇ×K├Âttend├ÂrferÔÇť des Sauerlandes. Zum alten sauerl├Ąndischen Familienverband L├╝bke geh├Ârte ├╝ber viele Generationen ein vagierender Korbmacher- und H├Ąndlerzweig. Sehr ausf├╝hrlich untermauert der Verfasser im Buch eine provokative These: Zur weiten Verwandtschaft des sauerl├Ąndischen Bundespr├Ąsidenten Heinrich L├╝bke geh├Ârten jenische Arme. Das sollte vielleicht sogar gezielt verschleiert werden. Einen Originalbeitrag ÔÇ×Zur Geschichte der ÔÇÜK├ÂttenÔÇś von Holzen und der Oehlinghauser Heide im 19. JahrhundertÔÇť hat Werner Neuhaus aus Sundern zu dieser Abteilung beigesteuert.

Wilddieberei und ÔÇ×Krieg im WaldÔÇť

Aufgrund einer Anregung der Heimatfreunde in Marsberg ist f├╝r die Sammlung eine ebenfalls sehr umfangreiche Studie zur legend├Ąren Gestalt des ÔÇ×Wildsch├╝tz Hermann KlostermannÔÇť entstanden. Der Klostermann-Experte Hans-Dieter Hibbeln aus Detmold hat dem Autor f├╝r die Arbeit an diesem Kapitel zahlreiche Archivquellen zur Verf├╝gung gestellt und auch selbst einen Abschnitt ÔÇ×Zeugnisse zum Lebensalltag der F├ÂrsterÔÇť verfasst. Der ÔÇ×Robin Hood des Egge-GebirgesÔÇť ist jedoch nur bedingt dem Sauerland
zuzuordnen. Deshalb bot es sich an, ein weiteres Kapitel ├╝ber den ÔÇ×Krieg im
WaldÔÇť zwischen sauerl├Ąndischen F├Ârstern und Wilddieben anzuf├╝gen. Auch
eine Umfrage unter Heimatvereinen und den Lesern der Zeitschrift des
Sauerl├Ąnder Heimatbundes hat f├╝r die entsprechende Darstellung viele
Informationen erschlossen (Sauerland Nr. 2/2013, S. 81-81). Gemeinhin denkt man beim Thema an harmlose Ordnungsdelikte, heitere Anekdoten, ÔÇ×R├ĄuberpistolenÔÇť und dick aufgetragene Wilddieblegenden. Nicht wenige sauerl├Ąndische Orte galten fr├╝her als ausgesprochene ÔÇ×Wilddiebd├ÂrferÔÇť. Es gab einmal eine nennenswerte Wilderer-Szene und sie genoss innerhalb weiter Teile der Bev├Âlkerung viele Sympathien. Wenn F├Ârster ermordet oder Habenichtse wegen eines ergatterten Rehbratens abgeknallt werden, h├Ârt der Spa├č freilich auf. Die Archive und die Sauerlandliteratur vermitteln, dass wir es mit einem todernsten Kapitel der Sozialgeschichte zu tun haben.

Plattdeutsch f├╝r Hochdeutsche

Das gesamte Unternehmen basiert zum nicht geringen Teil auf Arbeiten des Christine Koch-Mundartarchivs (www.sauerlandmundart.de). Es ist ein Anliegen dieses Archivs, die Bedeutung der alten niederdeutschen Alltagssprache f├╝r Forschungen zur Kultur- und Sozialgeschichte des s├╝dlichen Westfalens zu vermitteln. In 19 von 24 Buchkapiteln spielen Mundartzeugnisse eine Rolle. Sehr oft sind sie die ma├čgeblichen Quellen zu einem Thema. Entsprechend haben in den dokumentarischen Anteilen auch zahlreiche plattdeutsche Originaltexte Eingang in das Werk gefunden, doch sie werden f├╝r die hochdeutsche Leserschaft der Gegenwart durchgehend ├╝bersetzt oder nacherz├Ąhlt. Unsere Namensgeberin Christine Koch wird in einem langen Abschnitt auch als au├čergew├Âhnliche ÔÇ×Anw├Ąltin der Unbehausten und FahrendenÔÇť vorgestellt. Ihre
Botschaft lautete: ÔÇ×Dai van der Stroten (...) / Sedri├Ąt Guarres Siegel / Asse
Schutz un Riegel, / Un allʼ het se Menskenrecht, / Dai van der Stroten.ÔÇť (Sie tragen Gottes Siegel / Als Schutz und Riegel, / Und alle haben sie Menschenrecht, / Die von der Stra├če.)

Der ÔÇ×GeckÔÇť im k├Âlnischen Sauerland

Zu den Nebenschaupl├Ątzen des neuen Buches z├Ąhlen die Schelmenromane aus
unserer Landschaft und eine Gestalt wie der ÔÇ×GeckÔÇť beim Sch├╝tzenfest. Dieser
n├Ąrrische Zweitregent neben dem Sch├╝tzenk├Ânig ist bereits in einigen sehr alten Sch├╝tzenstatuten nachweisbar. In der Forschung stellt sich die Frage, ob wir es
hier mit einem archaischen Fr├╝hlingsregenten, einem lustigen Ordnungsh├╝ter oder einem Hofnarren zu tun haben. Sehr viele Belege sprechen f├╝r die zuletzt genannte Variante. Beim R├╝ckgriff auf ÔÇ×germanische Br├ĄucheÔÇť, der z.B. in Arbeiten den 1930er Jahre auftaucht, ist Skepsis angesagt. Der Geck ist keine verspottete Verk├Ârperung des Winters, sondern viel eher selbst ein Sp├Âtter.
Erstaunlich ist, welche Geringsch├Ątzung dieser heimliche Regent der
Sch├╝tzenfeste in vergangenen Tagen heute genie├čt. In bundesrepublikanischer
Zeit ist er an den allermeisten Orten verschwunden. Dabei handelt es sich, wie
der Volkskundler Dr. Peter H├Âher best├Ątigt, wirklich um eine ganz eigent├╝mliche Gestalt des k├Âlnischen Sauerlandes, zu der es in den Nachbarlandschaften keine Entsprechung gibt. Im Neusprech der modernen Werbestrategen w├╝rde man von einem ÔÇ×AlleinstellungsmerkmalÔÇť sprechen. Ob eine Wiederbelebung des Hofnarren m├Âglich ist? Viel gewonnen w├Ąre schon, wenn Ortschronisten sowie Sch├╝tzenvereins-Archivare historische Text- und Bildzeugnisse zum Geck und zum Geck-Hofstaat zusammentragen. Ein entsprechender Forschungsaufruf ist f├╝r das n├Ąchste Jahr geplant.


Ludwig Klens, der als Mitglied des Museumsvereins ehrenamtlich das Korrek-
torat der Druckfahnen ├╝bernommen hat, schreibt ├╝ber dieses Werk: ÔÇ×Am Beispiel der Biographien von Originalen und Au├čenseitern zeichnet der Autor eine detaillierte Sozialgeschichte der kleinen Leute unseres s├╝dwestf├Ąlischen Raumes nach: Narrative [erz├Ąhlte] Geschichte im besten Sinne! Das Buch ist aufgrund seiner bibliographischen F├╝lle f├╝r Historiker ebenso geeignet wie f├╝r einen neugierigen Leser, der sich auf die Reise begibt in das Land der wundersamen Gestalten, die das Leben unserer Orte bereichert haben. Peter B├╝rgers Werk nimmt >Originale< des gesamten Sauerlandes in den Blick. [...]
Wenn alle diese skurrilen, aber realen Gestalten, von denen das Buch erz├Ąhlt, in einem Ort versammelt w├Ąren, so w├Ąre dies ein utopisches Dorf mit einem liebenswerten Hauch von Anarchie und einer gro├čen F├╝lle von Menschlichkeit.ÔÇť
(Texte: Peter B├╝rger, http://www.sauerlandmundart.de/pdfs/daunlots%2068.pdf)

170 Abbildungen.

Fester Einband.

ISBN 978-3-00-043398-6

Eslohe: DampfLandLeute-Museum Eslohe 2013, 688 S.

ISBN: 9783000433986
Kategorie: 1

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