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Pommersche Lyrik

Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Edition Gellen, Band 4

Krell, Detlef (Hg.) / Guhlke, Max (Hg.)

Als der Stettiner Lehrer, Literaturhistoriker und Dichter Max Guhlke (1883–1916) kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs mehr als 220 Gedichte von 12 Schriftstellerinnen und 59 Schriftstellern für seine Sammlung Pommersche Lyrik auswählte, war ihm vermutlich nicht bewusst, welche bedeutende literaturhistorische Tat ihm damit gelungen war. »[...] Guhlke verstand diese Anthologie ausdrücklich nicht als eine Auswahl des Besten, das in Pommern lyrisch verfasst wurde, sondern als Übersicht des literarischen Schaffens über die Jahrhunderte«, schreibt der Herausgeber Detlef Krell in seinem Nachwort zur Neuauflage des Buches. Der repräsentative Querschnitt macht den besonderen kulturhistorischen Wert aus und stellt bekannte Dichter wie Ernst Moritz Arndt, Ewald Christian von Kleist, Ludwig Kosegarten und Philipp Otto Runge neben nahezu unbekannte, heute vergessene oder nur noch Fachleuten bekannte Autoren. Geboten wird ein Querschnitt durch sechs Jahrhunderte – angefangen bei Wizlaw III. (1265–1325), dem letzten slawischen Fürsten von Rügen, bis zu jüngeren Stimmen wie Katharina Weise (1888–1975) und Karla Koenig (1889–1963). Guhlke hat auch eines seiner eigenen Gedichte in die Anthologie aufgenommen, das Pilgerlied. Der plattdeutsche Anteil an den Gedichten, der uns hier besonders interessieren soll, ist relativ gering. Eingang gefunden haben nur sechs Gedichte von Alwine Wuthenow, Fritz Godow, Heinrich Bandlow, Albert Schwarz und Otto Graunke.

Alwine Wuthenow (1820–1908) schrieb ihre Lyrik unter dem Pseudonym Annmariek Schulten. Wegen ihrer schwachen Gesundheit verbrachte sie über zwanzig Jahre im St. Katharinenstift in Rostock, wo auch die meisten ihrer Gedichte entstanden. Kein Geringerer als Fritz Reuter veröffentlichte 1855 und 1856 in seinem Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern erste Gedichte von ihr; später war er Herausgeber ihres ersten eigenständigen Gedichtbandes En por Blomen ut Annmariek Schulten ehren Goren (1874), aus dem auch das von Guhlke ausgewählte Gedicht Magst mi noch lieden stammt. Fritz Godow (1851–1932), der zweite plattdeutsche Dichter in der Sammlung, war Lehrer in Cammin und Stettin; vertreten ist er mit einem humoristischen Gedicht, De Luftballon aus seinem Band Oll Frünn in’n nigen Rock (1899). Die letzten sieben auf eine überraschende Schlusspointe abzielenden Verse lauten: »›Will de Ballon denn nich upstiegen? / Is denn de Luftschiffer nich hier? / Ded keiner tau Gesicht em kriegen?‹ / Dann hüren s’ plötzlich: ›Keine Angst! / De Schiffer höllt, weit hei versproken;‹ / Hett blot ’ne lütte Arbeit vör: / Hei numeriert irst sine Knocken.« Der in Tribsees geborene Lehrer Heinrich Bandlow (1855–1933), der dritte im Bunde, veröffentlichte Texte in hoch- und niederdeutscher Sprache; insgesamt erschienen von ihm mehr als 30 Bücher, zuletzt die posthumen Auswahlbände Nich leigen … (1987) und Malle Vögel aus Vorpommern (1998). In Anlehnung an Fritz Reuter war er auch als »pommerscher Reuter« bekannt. In der Anthologie ist er mit dem Gedicht Min Enkelin vertreten. Von Albert Schwarz (1859–1921), dem vierten Dichter des Platt-Quintetts, wurde das Gedicht Nu blöje die leiwe Rause ausgewählt. Es stammt aus der Sammlung Oeschen un Astern, die 1912 im Verlag Lühr & Dircks in Garding erschien. Von 1895 bis 1920 redigierte Schwarz die plattdeutsche Zeitschrift De Eekboom und machte sie zum führenden Blatt der niederdeutschen literarischen Bewegung. Die Zeitschrift erschien wöchentlich ab dem Jahre 1883, zunächst in Berlin, später aber auch in Magdeburg, Braunschweig, Hamburg, Stettin und Glückstadt (bis 1934). Seine eigenen Werke schrieb der in Wandhagen, dem heutigen Wierciszewo, geborene Schwarz zunächst in der hinterpommerschen Mundart seiner Heimat, später im Platt Fritz Reuters, dessen Sämtliche Werke in 15 Bänden er mitherausgegeben hat. Zusammen mit Hermann Jahnke (1845–1908) verfasste er zudem ein Wörterbuch zu Reuters Werken. Der fünfte im Bunde, Otto Graunke (1861–1942), ist als einziger des plattdeutschen Dichterquintetts mit zwei Gedichten in der Anthologie vertreten: Wenn de Rosen bläuhn und Ehr ein ’t. Graunke wurde 1861 in Schievelbein (Swidwin) geboren und starb 1942 in Berlin. 1881 ging er zum Militär nach Stettin, wo er bis 1888 im Bezirkskommando diente. Danach wurde er Beamter der Preußischen National-Versicherungs-Gesellschaft; ab 1901 schrieb er für Zeitungen und Zeitschriften niederdeutsche Gedichte und Prosastücke, die er später auch in Büchern herausgab.

Dem Neisse Verlag, der den Band Pommersche Lyrik vor fünf Jahren neu aufgelegt hat, gebührt besonderer Dank. Die in grünes Leinen gebundene Originalausgabe erschien 1913 in der Reihe »Pommersche Heimatbücher zur Unterhaltung, Belehrung und Pflege heimatlicher Kultur«. Die damaligen Herausgeber dieser Reihe, Arnold Koeppen und Ludwig Hamann, sind beide auch selbst mit Gedichten in der Anthologie vertreten. Die von Detlef Krell herausgegebene Neuausgabe folgt dem Wortlaut des Originals. Die Gedichte sind in chronologischer Reihenfolge nach dem Geburtsjahr ihrer Verfasser angeordnet. Komplettiert wird die Sammlung durch einen Anhang mit umfangreichen Biogrammen sowie einem Orts- und Personenregister, in dem hinter den deutschen auch die heutigen polnischen Ortsnamen angegeben sind.

Der Band bringt den Lesern – durch die Vielzahl seiner Stimmen, den hoch- wie plattdeutschen – eine Region nahe, die mittlerweile der Vergangenheit angehört bzw. als Teilanhängsel Mecklenburgs in Vergessenheit zu geraten droht. Vor allem überrascht der große Einfluss Fritz Reuters auf die plattdeutsch schreibenden Dichterinnen und Dichter Pommerns, insbesondere auf Alwine Wuthenow, Heinrich Bandlow und Albert Schwarz. Eine Neuentdeckung für mich als Rezensenten war definitiv Otto Graunke, dessen Geburtsort Schievelbein in den Erzählungen meiner Großeltern mütterlicherseits ab und zu eine Rolle spielte. Leider habe ich sie nie Plattdeutsch sprechen hören, sodass ich den Klang des Pommerschen Platt nicht im Ohr habe. Dafür habe ich mir dann vorstellt, wie wohl ein Mecklenburger die Gedichte vorgelesen hätte und dann hat es funktioniert! Übrigens: Ein Jahr bevor Gulke seine Lyriksammlung veröffentlichte, erschien in Stettin sein Buch Pommersche Dichtung. Grundriß der pommerschen Literaturgeschichte – meines Wissens die erste pommersche Literaturgeschichte und antiquarisch nur selten und für relativ viel Geld zu bekommen. Eine Neuauflage wäre auch hier eine ehrenvolle Aufgabe und vielleicht eine Anregung für den Neisse Verlag. (Heiko Thomsen, in: Quickborn 2/2020)

Nach der Originalausgabe Stargard 1913

Kartoniert

H 21 cm / B 13,5 cm

ISBN 978-3-86276-136-4

Dresden: Neisse Verlag 2015, 328 S.

Kategorie: Böker
Bestellnummer: BO NEI 4344
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