Kahl, Heinrich / Schlüter, Gerhard
Kinnertieden. Kindheit in Holstein in den 20er und 30er Jahren.

Heinrich Kahl und Gerhard Schlüter, zu Beginn der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts in zwei voneinander entfernt liegenden Orten Holsteins geboren, legen mit ihren 40 Erzählungen ein beeindruckendes Zeitzeugnis für die zwanziger und dreißiger Jahre ab. Die Autoren gewähren uns Einblicke in das damalige dörfliche Leben. Es fällt auf, dass Lebensumstände, die Heinrich Kahl vom Dorf Duvenstedt in der nördlichen Nachbarschaft Hamburgs berichtet, sich insgesamt wenig von denen unterscheiden, die wir von Gerhard Schlüter aus dem Dorf Stolpe in Ostholstein erfahren. Lebensgewohnheiten, Wohnumstände, familiäre und gesellschaftliche Strukturen, Lebensgefühl und ländliche Kultur ähneln einander weitgehend. Sie ruhen auf einer gemeinsamen, verbreiteten Grundlage. Die Lektüre lohnt sich für alle, die in dieser Zeit lebten; denn für sie lebt die Kindheit wieder auf. Aber auch diejenigen, die in den vierziger und fünfziger Jahren auf dem Lande aufwuchsen, erkennen vieles wieder, was sie noch in ihrer Kindheit erlebten. Wer später geboren ist, erhält neue Einblicke in die Lebenswelt der genannten Epoche. Denn der Leser trifft nicht nur auf die Darstellung alltäglicher Probleme und Verrichtungen, sondern bekommt auch Eindrücke von den Vorstellungswelten, Bindungen und Werten der damaligen Zeit in der Region. Die Weltbilder, die dem Leser vermittelt werden, drängen zum Vergleich mit der Welt von heute, in der die Wertvorstellungen und materiellen Bedingungen sich erheblich gewandelt haben. Das Leben war damals beschaulicher, die Menschen waren bescheidener, die materiellen Güter viel knapper. Doch, das zeigt sich deutlich, die Menschen waren deswegen keineswegs unzufriedener oder gar unglücklicher. Das macht die Lektüre des Buches für Nachgeborene hoch bedeutsam. Sie hilft, sich des heutigen Wohlstandes, der oft nicht mehr empfunden wird oder dessen nötige Einschränkungen als Unglück empfunden werden, wieder bewusst zu werden. Man wird ein Stück zufriedener. Die Lektüre der 40 Begebenheiten von Heinrich Kahl und Gerhard Schlüter ist auch lohnend, weil die Autoren unterschiedliche Betrachtungs- und Erzählweisen haben, die auch von unterschiedlichen Schulverhältnissen zeugen, in die sie hinein wuchsen: einerseits von der wenig gegliederten Dorfschule in Ostholstein, andererseits von der hamburgischen, reformpädagogisch geprägten Schule mit Jahrgangsklassen. Im übrigen sind beide Autoren auch Zeugen des in den zwanziger Jahren erstarkten Bildungsstrebens. Es gefällt, dass die Erkenntnisse aus den Kindheitserinnerungen von Heinrich Kahl und Gerhard Schlüter nicht hochtrabend und trocken belehrend doziert werden, sondern sich aus feinsinniger Darstellung der Begebenheiten von selbst ergeben. Die beiden Autoren schrieben die Erinnerungen in der Gelassenheit eines hohen Alters und nehmen für sich in Anspruch, Szenen weder geschönt, noch verdüstert geschildert zu haben. Es sind Szenen, die große und kleine, hohe und niedere Begebenheiten und Erlebnisse, ja, die letztlich Leben und Tod reflektieren. (Vorwort von Heinrich Thies) Neumünster: Wachholtz 2004, 184 S.

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Kategorie: Böker

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Kinnertieden. Kindheit in Holstein in den 20er und 30er Jahren.
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